THE BARCELONA DIARIES

W O H N U N G S F E E L I N G

20. Mai, 09:34

Ich liege im Bett. Die Balkontür zur Gasse hin ist offen, damit ich nachts vor lauter Luftfeuchtigkeit nicht ertrinke. Ich werde geweckt von einem lauten “AAAALLLOOOOOOOO”. Der Verkäufer/Wecker ist wieder da. Der Mann, der täglich durch alle Gassen in der Nachbarschaft spaziert und irgendetwas verkauft. Was er verkauft, weiß ich bis heute nicht. Um sich anzukündigen, brüllt er im regelmäßigen Takt so dermaßen laut, dass man sich die Frage stellt: Kann ein menschliches Stimmorgan überhaupt so laut werden? Die engen Gassen fungieren allerdings für jegliches noch so kleine Geräusch als eine Art Lautsprecher DIREKT IN DEIN OHR.

6. Juni, 13:43 Uhr

Ich sitze auf dem Balkon, der zum Innenhof gerichtet ist und trinke meinen Tee. Im Gegensatz zu dem anderen Balkon, erscheint es hier sehr friedlich und leise. Und als ich genauer hinhöre, nehme ich verschiedenste Dinge wahr: Eine Frau singt. Doch sie singt nicht einfach beiläufig bei einem Song mit. Sie singt von Herzen und hat eine wunderschöne Stimme. Erst als ich genauer hinhöre, merke ich, dass sie denselben Song immer und immer wieder singt und scheinbar gerade übt.

Später am Tag sitze ich im Arbeitszimmer am Laptop. Die Tür ist offen und ein sanfter Wind gleitet durch die Wohnung. Im Hintergrund lässt sich ein Trompetenklang erkennen. Diese schöne Melodie begleitet mich einige Stunden, während ich vor mich hinarbeite. Ein Moment, der mich friedlich und entspannt fühlen lässt.

Das Trompetensolo ist vorbei. Nun kommen alle tagtäglichen Geräusche wieder zum Vorschein. Es ist eine Mischung aus Gelächter, Geheule, Diskussionen und Freudenausdrücken in verschiedensten Sprachen. Ganz wild durcheinander.

31. Juni, 17:03 Uhr

Ich sitze im Wohnzimmer auf unserer Couch und habe Hunger. Durch die Balkontür weht ein eigenartiger Geruch in die Wohnung. Indisches Essen? Oder doch arabisch? Weiß ich nicht. Jedenfalls riecht die ganze Wohnung so, als hätte das Kochen in meiner Küche stattgefunden. Ich kann nicht zuordnen, wonach es riecht. In meiner Nase fühlt es sich an, als hätten 100 Gewürze darin Platz gefunden. Plötzlich habe ich keinen Hunger mehr.

2. Juli, 14:21 Uhr

Ich laufe die Treppen runter, um in den Einkaufsladen zu gehen. Es fühlt sich an, als würde ich direkt in die Kanalisation der Stadt hinunterspazieren. Auf der Gasse begegne ich einer Frau mit ihrem Hund. Der Hund pinkelt einfach ganz frech auf die Straße. Einige Meter weiter erledigt er noch sein Geschäft. Die Frau läuft weiter.

Im Einkaufsladen wird meine Nase erneut auf die Probe gestellt. Nun befinde ich mich allerdings eher auf einer Obstplantage, dessen Früchte schon eine Weile unberührt auf dem Boden lagen. Nicht so mein Ding. Ich gehe einfach in einen der anderen 50 Läden, die sich hier in unserer Straße befinden und suche mir das frischeste Obst aus. Es ist super lecker und süß.

10. Juli, 12:21 Uhr

Ich hänge gerade meine frisch gewaschene Wäsche auf dem Balkon auf. Aus Platzmangel und weil es hier scheinbar üblich ist, hänge ich meine Wäsche auf dem Geländer auf. Dabei fällt mir versehentlich ein Shirt, das ich gerade erst gekauft hatte, auf die Terrasse zwei Stockwerke unter uns. Shit. Ich laufe runter, um es zu holen. Nach mehrmaligem Klingeln erhalte ich keine Antwort. Ich gehe einen Stockwerk weiter runter, um dort mal nachzufragen. Es heißt: Die besagte Wohnung werde wohl seit einiger Zeit renoviert und ist daher unbewohnt. Die nächsten Tage warte ich auf Bauarbeiter, die mir mein Shirt holen könnten. Vergeblich. Mein Shirt liegt immer noch da unten und ist von der Sonne schon ganz ausgebleicht…

16. Juli, 21:46 Uhr

Die Stadt lebt und ist lauter als je zuvor. Auf den Straßen in unserer Nachbarschaft wimmelt es von Menschen. 70% Einwohner, 30% verirrte oder anwohnende Touris. An den Ecken versammeln sich gelangweilte Jugendliche. An anderen Ecken stehen Männer, trinken ihr Bier und rufen jedem Mädchen: “Hola Chica” hinterher. Das Feeling ist einzigartig.

Später am Abend hört man einige – mehr oder weniger betrunkene – Menschen lautstark diskutieren. Die Diskussion findet dabei mit 10 Metern Sicherheitsabstand zwischen den Beteiligten statt. Ach, deshalb schreien die so. Und die Nachbarschaft will’s ja auch mitbekommen. Generell ist mir aufgefallen, dass die Menschen hier einen Drang zum Diskutieren haben. Und das Ganze ca. 10x lauter, als ich es gewohnt bin.

17. August 05:45 Uhr 

Ich schlafe friedlich in meinem Bett. Die Balkontür im Schlafzimmer ist wie immer offen, damit es kühler wird. Plötzlich werde ich von einem lauten Schrei geweckt. Mein Freund springt gefühlt in der gleichen Sekunde auf und ich werde davon viel mehr verstört, als vom Schrei selbst. Ich bleibe einfach im Bett liegen. Mein Freund erzählt mir, dass eine Frau auf dem Boden liegt und ein Mann über ihr. Er hatte wohl versucht oder vielleicht auch geschafft, ihr die Kette vom Hals zu reißen. Ein anderer Mann eilt zur Hilfe und versucht der Frau aufzuhelfen, indem er dem Mann hilft, aufzustehen. Der Räuber rennt davon. Die Frau ist außer sich und beschwert sich bei der Polizei. Immer noch lautstark. Immer noch früh’s um 6. Immer noch bei geöffneten Fenstern.

9. September, 10:33 Uhr

Ich sitze in der Küche am Tisch und frühstücke ganz gemütlich. Plötzlich höre ich ein dermaßen lautes Schnäuzen, dass man meinen könnte, dieser Mann befinde sich in unserer Wohnung. Er ist es aber nicht, natürlich nicht. Es ist unser Nachbar, dessen Toilette sich scheinbar auf dem Balkon neben uns befindet und er gerade seine “tägliche Morgen-Bad-Routine” durchführt. Richtig schön die Rotze vom hintersten Eck der Nase hochziehen und rausspucken. Jeden Tag auf’s Neue – um die selbe Uhrzeit.

3. August 2019, 15.45 Uhr

Es klingelt an der Tür. Ungeachtet dessen, dass ich eh nur die Hälfte verstehen werde, gehe ich trotzdem an den Lautsprecher und sage: “Hola.” Durch den Lautsprecher ertönt eine männliche Stimme. Sie fragt mich auf Spanisch, ob denn eine vietnamesische Familie in diesem Hause wohnt. Ich erwidere, dass ich das nicht weiß. Erneut kommt die Frage, ob ich hier denn einer derartige Familie ab und zu begegne. Wieder sage ich, dass ich nicht weiterhelfen kann.

Ein paar Wochen später – das Gleiche. Und einige Zeit später wieder.

Eines Tages gehe ich aus dem Haus und begegne vor unserer Haustür einer älteren Dame. Sie telefoniert gerade und wirkt sehr hektisch. Sie sieht mich, kommt auf mich zu und fängt an, wild auf Spanisch zu reden. Sie fragt: “Weißt du, ob hier eine vietnamesische Familie wohnt?” Ich tue so, als würde ich sie nicht verstehen und antworte: “No entiendo.” Die Dame guckt mich ganz entsetzt an und redet weiter auf Spanisch. Sie fragt mich, ob ich hier manchmal einen kleinen Jungen mit seinen Brüdern sehe. Ich tue weiterhin so, als würde ich nicht wissen, wovon sie spricht. Als sie merkt, dass sie keine Informationen aus mir schöpfen kann, läuft sie energisch an mir vorbei – durch die Haustür hindurch und klopft wild an die Haustür im Erdgeschoss. Die ganze Zeit über hält sie das Telefon in der Hand und spricht hin und wieder mit jemanden.

Ich – schockiert – schaue sie an und weiß nicht, was ich tun soll. Ich entscheide mich dafür, den Dingen ihren Lauf zu lassen und gehe.

FUN FACT: Im Erdgeschoss unserer Hauses wohnt tatsächlich eine vietnamesische Familie. Die Ganze Zeit über wusste ich es – doch ich habe nichts gesagt. Ich frage mich jedes Mal, was die wohl angestellt haben sollen.

S T A D T F E E L I N G

4. Juni, 19:23 Uhr

Nachdem wir uns den wunderschönen Arc de Triomf angesehen haben, laufen wir in den Park nebenan. Der Parc de la Ciutadella ist ein ganz entspannter Ort. Ich sehe Menschen, die auf den Wiesen liegen, sitzen, tanzen, singen und Yoga praktizieren. Es fühlt sich an, als wär dies ein etwas anderer und alternativer Ort, an dem sich Gleichgesinnte treffen. Ich sehe Menschen, die Cookies verkaufen. Und Menschen, die diese Cookies essen und danach einen Lachanfall kriegen. Ich sehe Menschen, die im Kreis sitzen, Instrumente spielen und dazu singen. Ich sehe auch Menschen mit höchstwahrscheinlich afrikanischer Herkunft, die auf der Bank sitzen, auf ihrer Trommel spielen und wilde Lieder singen. Ich sehe eine Frau, die auf einem Stück Wiese ihren selbstgemachten Schmuck, bestehend aus Kristallen, ausgebreitet hat und diese verkauft.

Der Park ist groß. Einige hundert Meter weiter stoßen wir auf einen wunderschönen Ort, eine Art Mini-Palast mit Teich und Springbrunnen – wie aus einem Märchen. Aus diesem Schlösschen ertönt Musik. Wir laufen die Treppen hoch und sehen einige Menschen, die Salsa tanzen. Wir stehen einige Minuten da und beobachten einfach nur, wie sich diese Menschen rhythmisch zu dieser Musik bewegen. Ich würde auch gerne Salsa tanzen können.

27. Juni, 21:14 Uhr

Wir laufen vom Strand durch die Altstadt in unser Viertel. Auf dem Weg – im Barrio Gòtico – steht die berühmte Kathedrale Barcelonas. Sie ist prachtvoll und zieht alle Blicke auf sich. In einer kleinen und sehr engen Gasse direkt neben der Kathedrale ertönt eine tiefe Männerstimme. Wir sehen nach und finden zwei süße, ältere Männer, die berühmte italienische Lieder singen. Ich finde es faszinierend, wie unglaublich stark die Stimmen der – bestimmt schon über 70-jährigen – Männer doch sind. Das Flair ist sehr angenehm und wir alle genießen die Stimmung und die Show.

11. August, 16:23 Uhr

Meine Schwester ist zu Besuch und wir befinden uns auf dem Weg zur La Rambla. Meine Schwester besitzt ein ziemlich großes Handy, das meistens in der rechten, hinteren Hosentasche sitzt. Ein Jugendlicher läuft hinter uns vorbei, zieht das Handy aus der Hosentasche und hält es in der Hand. Meine Schwester bemerkt es sofort und schreit auf deutsch: “HEY, gib’s mir zurück!”. Der Typ guckt sie ganz verdutzt an, gibt ihr das Handy wieder und geht einfach weiter.

23. August, 22:02 Uhr

Es sind Kumpels zu Besuch und wir spazieren durch die Innenstadt. Auf dem Weg nehmen wir den Duft von Cannabis so oft wahr, dass wir wetten, wie oft dieser Geruch wohl im Durchschnitt vorkommt. Ich sage: alle 200 Meter. Die Wahrheit? Eher so alle 20. Bevor ich hier war, wusste ich nicht, dass das Rauchen hier legal ist. Allerdings nur, wenn man Mitglied in sogenannten Smoking-Clubs ist.

3. August, 03:02 Uhr

Wir kommen vom Flughafen und laufen gerade nach Hause. Auf dem Weg gehen wir an einem Spielplatz vorbei. Auf den Straßen sind sehr viele Leute unterwegs und auf dem Spielplatz wimmelt es nur so von Familien und KINDERN. Es ist deutlicher kühler, aber sehr angenehm. Ich sehe Frauengruppen, die sich unterhalten und amüsieren. Daneben sehe ich unzählige Kinder, die im Sand spielen, mit dem Fußball kicken oder einfach durch die Gegend rennen. Manche von ihnen haben gerade erst das Laufen erlernt. Die Stimmung ist fröhlich und alles andere als unsicher. Alles nichts Besonderes, außer der Tatsache, dass es 3 Uhr morgens ist.

S T R A N D F E E L I N G

15. Juni, 11:13 Uhr
Der Strand ist bereits jetzt schon überfüllt und es liegen alle zwei Meter Menschen herum. Die Hälfte davon sind Touristen, die anderen sehen aus wie einheimische Familien mit Kindern. Am Platja de la Barceloneta ist so gut wie kein Platz mehr übrig. Läuft man ein wenig weiter – zum nächstgelegenen Strand – Platja de Bogatell ist der Strand schon etwas breiter und daher nicht ganz so überlaufen. Was mir auffällt: Die Frauen hier tragen kein Bikini-Oberteil. Überall sehe ich Brüste. Soweit das Auge reicht.

27. August, 18:09 Uhr

Um mal einen weiteren Strandabschnitt zu sehen, fahren wir mit dem Roller weiter als je zuvor. Wir kommen an einem Strand an, an dem sich – im Gegensatz zu den anderen Abschnitten – nur eine Bar befindet. Der Name der Bar lautet: BeGay. Sobald ich diesen Namen lese, fällt mir auch auf, wieso. Weit und breit liegen turtelnde Männer im Sand. Der Männeranteil beläuft sich auf ca. 99%. Alle sind nackt. Außer wir.

8. September, 07:55 Uhr

Wir joggen zum Strand, in der Hoffnung, er ist noch nicht allzu überfüllt. Als wir ankommen, merken wir, dass so gut wie keiner am Strand liegt. Herrlich. Anders als im Sand, befinden sich an der freien Trainingsanlage einige sehr sportliche, junge Männer, die aussehen, als würden sie gleich zu einem Model-Casting gehen. Wir bleiben lieber am Rande und bleiben unbemerkt. Noch sind wir nicht so weit. 😅

L I E B L I N G S F E E L I N G

15. Juli, 15:56 Uhr

Wir laufen von unserem Viertel El Raval in Richtung des Berges Montjuïc. Wir gehen einige Treppen hoch, spazieren an sämtlichen Treppen-Wasserfällen und Brunnen entlang und lassen uns in einem der hochgelegenen Gärten nieder. Dieser Platz sieht sehr idyllisch aus und lädt einfach zum Entspannen ein. Wir haben eine Stranddecke dabei und machen es uns hier gemütlich. Zusammen mit Laptop, Buch und Snacks verbringen wir hier einige Stunden und genießen dabei den atemberaubenden Blick auf die Stadt Barcelona. Von hier oben sticht die Sagrada Familia total heraus. Ich sehe den noch größeren Berg am Rande dieser Stadt namens Tibidabo und erkenne das Schloss, das auf der Spitze steht. Es sieht alles wunderschön aus. Langsam wird es dunkel und die Lichter beginnen zu funkeln. Man hört Musik aus allen Richtungen, Menschen die sich unterhalten und sogar das Stadion. Ich schaue der Sonne zu, wie sie sich hinter den Berg verkriecht und denke mir:

Hier fühle ich mich wohl.

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